Fragen von „Kirche in Marburg” KIM
KIM ist das Monatsmagazin des Evangelischen Stadtkirchenkreises
Welche Erwartungen ordnen Sie den Kirchen zu? Was sind Ihre persönlichen Erwartungen?
Meine persönlichen Erwartungen an die Kirchen, aber auch an die israelitischen und islamischen Gemeinden sind, dass sie sich für ein soziales und friedliches Miteinander aller Menschen und für die Bewahrung der Schöpfung einsetzen. Das ethische Engagement der Kirchen in Fragen der Gentechnik hat mich immer beeindruckt. Doch auch der Einfluss des kirchlichen Handelns im alltäglichen Leben bleibt wichtig und für viele Menschen unverzichtbar. Denn die christlichen Kirchengemeinden sind neben den Gemeinwesenprojekten der freien Wohlfahrt und den kommunalen Angeboten wichtige Träger in der Kinderbetreuung, der Gesundheitsfürsorge und in der Betreuung hilfebedürftiger junger und alter Menschen.
Wo sehen Sie im Moment die brennendsten sozialen Ungerechtigkeiten was würden Sie dagegen tun?
Ein Ziel meiner politischen Arbeit ist es, dass alle Kinder, egal aus welchem Elternhaus sie kommen, eine ihren individuellen Fähigkeiten entsprechende Bildung und Ausblidung ermöglicht wird. Für die junge Generation wird sich nämlich die Bekämpfung der Wirtschaftskrise und der Klimawandel zu einer großen Last und sozialen Ungerechtigkeit entwickeln. Die Bekämpfung der Umweltzerstörung und der Abtrag einer unglaublichen Staatsverschuldung von rund 2.000 Milliarden €uro kann nur gelingen, wenn wir in Schule, Ausbildung und beruflicher Fortbildung endlich Chancengleichheit herstellen. Doch immer noch hängen in Deutschland die Chances eines Kindes oder Jugendlichen vom Elternhaus ab.
Auch der Ausbau einer optimalen ambulanten Pflege und Betreuung der alten Menschen ist für mich eine wichtige politische Aufgabe. Dass alte Menschen auch bei Pflegebedürftigkeit am liebsten Zuhause leben möchten, besagen alle Umfragen und es entspricht auch meinen Erfahrungen. Die wenigsten wollen in ein Altenheim. Ich empfinde es als ungerecht, dass dennoch immer mehr große und mittelgroße Heime errichtet werden, weil angeblich nur so Pflege wirtschaftlich sei. Das aber erschwert den Aufbau einer menschenwürdigen Altenpflege vor Ort. Eine stationäre h Unterbringung sollte nur dann erfolgen, wie sie von den Betroffenen gewünscht wird – und nicht wirtschaftlichen Überlegungen folgen.
Wie stehen Sie zu einem Gottesbezug im Grundgesetz beziehungsweise einer zukünftigen europäischen Verfassung?
Die Glaubens- und Gewissenfreiheit muss Bestandteil einer Europäischen Verfassung sein. Die Stärke unseres Landes und von Europa liegt in dem Respekt gegenüber den christlichen Kirchen, aber auch gegenüber den israelitischen oder islamischen Religions- und Kultusgemeinden.
Wie bewerten Sie die Berliner Entscheidung, dass Ethikunterricht Pflichtfach für alle Schülerinnen und Schüler, Religionsunterricht lediglich als zusätzliches Wahlfach angeboten wird. Wie stehen Sie zur Forderung nach islamischem Religionsunterricht?
Die Berliner haben diese Frage in einem Volksentscheid geklärt. Man mag hierzu unterschiedlicher Meinung sein – die Entscheidung ist zu respektieren.
Bei der Frage eines freiwilligen Islamunterrichtes an unseren Schulen durch Lehrer, die an öffentlichen Hochschulen ausgebildet wurden, halte ich es mit unserer Spitzenkandidatin Renate Künast: „Islamischer Religionsunterricht bietet uns die Chance, einen aufgeklärten europäischen Islam zu entwickeln, der kein Problem damit hat, sich in eine libertäre und offene Gesellschaft einzufügen”.
Welche Geschichte oder welcher Satz in der Bibel regt sie für ihre Arbeit an?
Die Geschichte von der Arche Noah. Sie vermittelt mir eine Vorstellung davon, was Klimakatastrophen anrichten. Verantwortungsvolle Menschen – auch wenn sie wie Noah von ihren Zeitgenossen zunächst belächelt und verspottet werden – müssen sich für den Erhalt der Vielfalt von Flora und Fauna, für eine lebendige Umwelt engagieren.