Matthias Knoche

Auf diesem Blog möchte ich Sie über meine politische Arbeit informieren. Rechts finden Sie Schlagwörter, die Sie zu den Beiträgen führen.

Wohnortnahe Angebote

Das öffentliche Image von großen und größeren Heimeinrichtungen wird – oft zu Unrecht – geprägt von der Angst vor sozialer Isolation der Heimbewohner und einem mangelhaften, weil auch schwer kontrollierbaren Pflegealltag. Die Notwendigkeit für den Bau großer Heimeinrichtungen wird aber vor dem Hintergrund des Anstiegs der Hochaltrigen in der Regel nicht bestritten und es wird grundsätzlich unterstellt, das nur größere Einheiten im Betrieb wirtschaftlich sind. Die Kritik ist also in der Regel „konzeptionell”. „So möchte ich nicht im Alter leben” oder „Meine Eltern sollen so nicht leben”.

Dagegen sprechen aber gerade wirtschaftliche Überlegungen für kleine, dezentrale und wohnungsnahe Angebote, weil sie sehr viel besser im Pflege”markt” verankert werden können. Entscheidend ist die Qualität der künftigen Nachfrage.

Die folgenden Trends werden seit vielen Jahren auf den Wohnungsmärkten beobachtet und sind deswegen nicht immer überraschend:

•  Die zukünftigen Seniorenhaushalte werden zunehmend der Nachkriegsgeneration entstammen und vielfach andere Wohnkonzepte als die jetzige Seniorengeneration verfolgen.

• Es wird nicht mehr das „Seniorenwohnen” geben. Die Nachfrage wird viel-fältiger und sich nach Haushaltstypen, Wohnformen und Wohnkaufkraft ausdifferenzieren.

Das heißt, dass Serviceangebote künftig individueller und gezielter angeboten werden müssen. Und sie müssen die unterschiedliche Kaufkraft berücksichtigen. Einheitsangebote, die den spezifischen Bedarf der einzelnen Nachfrager unberücksichtigt lassen, werden langfristig am Pflege”markt” geringe Bestandschancen haben.

Individualität lässt sich  nur in den eigenen vier Wänden erreichen.

Auch daher wollen immer mehr der älter werdenden Menschen so lange wie möglich in ihren Wohnungen oder Häusern leben. Dafür investieren sie Geld in die Ausstattung. Auffällig ist, dass dies auch für alte Menschen zutrifft, die bereits mit körperlichen Beeinträchtigungen leben müssen. Und es gilt auch für Senioren, die im Umland leben. Eine Rückwanderung von Senioren in die Stadt (Back to the city), lässt sich weder bundesweit noch zum Beispiel für das Oberzentrum Marburg statistisch belegen und ist nach den aktuellen Befragungen auch nicht zu erwarten. Die Rückwanderung von Senioren bleibt die Ausnahme, weil Mobilität (Verkauf einer Gebrauchtimmobilie und Kauf einer Neuimmobilie, Ausstieg aus einem Altmietvertrag und Einstieg in einen Neuvertrag zu einem höheren Preis) schlicht zu hohe Kosten verursacht und weil niederschwellige Dienstleistungen (rollende Bäcker, etc.) zunehmend auch im Umland angeboten werden.

Das Verbleiben in der gewohnten Umgebung ist ein Wunsch, der auf den Mieter und Eigenheimbesitzer im Grünen ebenso zutrifft, wie für den Mieter und Eigentümer einer Stadtwohnung.

Das wird einerseits den Hausbesitz unter Druck setzen, denn die Wohnraumanpassung und die Möglichkeit zur ambulanten Pflege in der eigenen Wohnung werden zu einem wichtigen Kriterium der Wohnungsausstattung. Andererseits müssen Heimbetreiber wissen, dass damit der Zeitpunkt des Bezugs eines Heim-Appartement noch weiter hinausgezögert wird.

Wir sprechen oft davon, dass Angehörigen-Netzwerke kleiner werden und damit das Selbsthilfepotential sinkt. Dabei wird übersehen, dass durch den Anstieg der Lebenserwartung bei den Männern eine Strukturverschiebung bei der Nachfrage eintritt. Heute noch dominieren alleinstehende Seniorinnen die Nachfrage; künftig werden rund 60% Paar-Haushalte sein. Da Pflegebedürftigkeit nicht zeitgleich entstehen muss, werden Situationen eintreten, in der der eine Lebenspartner in einer stationären oder teilstationären Pflegeeinrichtung leben will oder muss, der andere Partner aber in der gewohnten Umgebung seiner Wohnung oder seines Hauses bleiben möchte.

Zu einem „Markt”vorteil wird also, wer Wohnungen für den Angehörigen in der Nähe seines Heimes anbietet (Servicewohnungen) oder – mit Blick auf die Mobilitätskosten – sein Pflegeangebot in die Nähe des Angehörigen bringt.

Im Augenblick dominieren die Modelle Heim/Servicewohnung. Zwar ist der Begriff des Servicewohnens vom Bundesgesetzgeber noch nicht definiert. Aber damit verbunden ist ein Ansprechpartner im oder in der unmittelbaren Nähe des Hauses, barrierearme Ausstattung, ambulante Dienste und Sicherheit. Gerade das Merkmal „Sicherheit” hat für die nachfragenden Senioren eine herausragende Bedeutung und gerade deswegen werden heimnahe Angebote nachgefragt.

Da genau diese Anforderungen aber in der Regel nur im Neubau zu erreichen sind, stößt die Nachfrage auf erhebliche Hemmnisse. Weil die Wohnkosten in der Regel steigen, können nur wenige Seniorenhaushalte auf dieses Angebot zurückgreifen. Selbst bei öffentlicher Förderung liegen die Kaltmieten heute um die 7,50 €/m²: Auch daher ist die Neubauquote in diesem Segment niedrig und wird wegen der zunehmenden Einkommensspreizung auch in den kommenden Jahren nicht in einem Maße anziehen, das die breiten Schichten der Bevölkerung versorgt werden können. Aber genau das, also die Versorgung breiter Schichten, muss das politische Ziel sein.

Mit dem Ausbau der stationären Versorgung mit mittelgroßen Heimen um die 80. Appartements werden wir eine Zwei-Klassen-Versorgung festschreiben. Eine kleine Gruppe von Senioren wird sich Servicewohnen in der Nähe eines Heimes leisten können, kann auf die dortigen Freizeitangebote zurückgreifen und hat das vermeintliche Privileg, im Ernstfall auf ein stationäres Angebot in unmittelbarer Nähe zurückgreifen zu können. Die weitaus größere Gruppe der Senioren ist aber von diesem Angebot ausgeschlossen und muss weite Wege in Kauf nehmen, auch weil die wirtschaftlichen Ressourcen nicht ausreichen. Für Paar-Haushalte mit einem pflegebedürftigen Partner wäre diese Situation kaum zu bewältigen. Wie soll das gehen? Der noch in der eigenen Wohnung lebende Partner muss dann täglich den halbe Landkreis oder die halbe Stadt durchqueren, um seinen Partner im Alltag zu unterstützen? Diese Paare bleiben unversorgt.

Die massive öffentliche Kritik an den Marburger Plänen der Firma Procon richtete sich zwar auch gegen die sog. Discount-Pflege; wobei daran zu erinnern ist, dass der Pflegebetrieb von Procon ebenfalls gemeinnützig ist und im übrigen genau derselbe Personalschlüssel angesetzt wird wie bei kommunale oder freigemeinnützige Einrichtungen. Die Kritik richtete sich insbesondere gegen die Konzentration von Pflegeplätzen. Wohnungsnahe Konzepte haben beim Bau eines großen Heimes keine Chance mehr, weil der Markt übersättigt wird.

Was spricht also dagegen, in den Gemeinden, Städten und Stadtteilen des Landkreises kleine Altenhilfezentren mit einer angemessenen Zahl von Appartements zu errichten oder umzubauen, die Anlaufpunkt für ambulante Dienstleistungen und Fixpunkt für den Aufbau ehrenamtlicher Netzwerke sind?

Ein mittelgroßes Altenheim mit 60/80-Appartements wird sicherlich seinen „Markt” finden. Die künftigen Kundengenerationen werden aber die dezentralen und wohnungsnahen Angebote attraktiver finden. Wirtschaftlich ist, was die Kunden wünschen. Wenn die alten Menschen aus den vielfältigsten Gründen nicht in die Nähe einer stationären Einrichtung ziehen können, muss das Pflegeangebot zu den Menschen kommen.

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